Ein Moment am Fluss
Wir sind am Fluss. Er ist kraft- und geräuschvoll, in verschiedenen Grün- und Blautönen. Er ist nie gleich, er verändert sich immer. In seinem lauten Rauschen und Gurgeln werde ich ruhig und gedankenversunken. Gestern fing ich wieder an im Spital zu arbeiten. In den letzten Monaten bin ich der Stille sehr nahegekommen, konnte verlangsamen, bei mir ankommen. Ich frage mich, wie ich mir diese Stille bewahre, wenn der Alltag wieder lauter und schneller wird und mein Fokus zerstreuter. Bleibe ich bei mir? Höre ich die leise Stimme in mir noch?
Meine Tochter ist auf Entdeckungsreise. Der Fluss sucht sich auf den grossen Steinen immer andere Wege.
«Mami, warum steht der Fluss niemals still?», fragt sie mich.
Ich suche noch nach einer Antwort, da ist sie schon wieder weiter weg. Kann ich bei mir bleiben, auch wenn das Leben immer weiterläuft und ohne dass es langsamer wird?
Kurz darauf läuft meine Tochter zu ihrem Papa und steigt in den Fluss. Einmal, zweimal, dann das dritte Mal taucht sie ganz unter. Frierend und strahlend läuft sie auf mich zu und ich wickle sie in ein Badetuch. «Ich bin so stolz auf mich, Mami». Ich lächle.
Sie geht in den Fluss, taucht hinein und wird ein Teil von ihm. Er bleibt nicht still.
Ich kann das Aussen nicht anhalten, aber ich kann in mir still werden, mittendrin.
Manchmal ist es nicht möglich, alleine zu sein. Ich kann nicht alles planen oder mir Raum schaffen. Aber ich kann Raum in mir entstehen lassen. Während der Fluss weiterfliesst.
Ich frage mich, ob es meine Tochter leichter haben wird, bei sich zu bleiben. Sie erlebt, spürt und ist stolz.
Vielleicht geht es gar nicht darum, den Fluss anzuhalten.
Sondern darum, wieder zu spüren, dass wir Teil davon sind – und uns dabei nicht verlieren. Und manchmal zeigt uns ein Kind, wie das geht.
Wie ist es für dich, wenn du bei dir bist? ✨
