Ein Moment am Meer

Heute Morgen suche ich im Internet. Ich stosse auf einen Text über eine Klientin: Eine junge Mama, die sich im Alltag mit ihren kleinen Kindern immer wieder übergeht, ihre Bedürfnisse nicht wahrnimmt und ein Ekzem am Finger entwickelt. In der Therapiesession zeigt sich ein Bild, wie sie sich selbst immer wieder um den kleinen Finger wickelt. Jetzt hat sie etwas an der Hand, um sich dabei zu erkennen und das Muster zu durchbrechen.

Die Frau, um die es geht, bin ich selbst. Der Text wurde vor sieben Jahren über mich geschrieben.

Hat sich danach etwas verändert? Nein. Das Ekzem wurde grösser, wanderte auf die Handinnenfläche, brannte, juckte, riss auf.

Es begleitete mich über Jahre. Bekam einen Namen, eine Therapie und viel Aufmerksamkeit.

Und ich überging mich weiter.

Rückblickend zeigt sich das ganz subtil im Alltag. Ich erinnere mich an einen Moment, als eine andere Mama auf Besuch ist: ich koche, höre zu, habe meine Kinder im Auge und bemerke: Eigentlich ist mir das zu viel. Aber auch: Ich bin stark und trage viel Verantwortung. Ich kümmere mich. Und zum Besuch: «Bleib doch noch ein bisschen.»

Manchmal braucht es einen bestimmten Moment für Veränderung. Meiner war am Strand in Italien. Es war Vorsaison und wir bekamen einen Platz in den vordersten Reihen. Meine Kinder spielten stundenlang am Meer. Ich lag da und las ein Buch. Die Glückseligkeit in mir spüre ich heute noch, wenn ich mich erinnere.

Im Buch ging es um psychosomatische Symptome. Die Frage der Autorin war schlicht: Wann hat es begonnen? Was hat sich da verändert? In diesem Moment konnte ich ehrlich antworten. Nicht aus dem Kopf. Sondern von innen heraus.

Und das hat vieles bewegt. Ich begann, mir solche Momente immer wieder zu erlauben. Die innere Stimme bekam mehr Raum und ich fing an, auf sie zu hören. Ich fragte sie öfter, was mir guttun würde. Und ich merkte: Wenn ich sanfter zu mir bin und mich mir selbst zuwende, wird es auch im Aussen ruhiger.

Und meine Hand heilte.

Was mich heute berührt: Die Frage wurde mir schon vorher gestellt. Ich kannte sie. Und trotzdem konnte ich sie lange nicht wirklich beantworten. Vielleicht, weil ich mich dabei immer noch übergangen habe. Und genau daraus ergeben sich die Fragen, die mich heute in meiner Arbeit begleiten:

  • Was braucht es, damit ein Mensch sich wirklich ehrlich begegnen kann?
  • Und was ermöglicht Veränderung – nicht nur im Verstehen, sondern im Erleben?

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